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Was wir aus einem Lied darüber, wie die Gauchos gehen, lernen können.

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Was wir aus einem Lied darüber, wie die Gauchos gehen, lernen können.

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Als die deutschen Spieler während der Feierlichkeiten anlässlich der gewonnenen Weltmeisterschaft ein Lied anstimmten, das die Niedergeschlagenheit der Argentinier zum Inhalt hatte, folgten peinlich-berührte Schelten auf deutschen Nachrichtenportalen und Twitter auf dem Fuße. Das zeigt, zum Abschluss dieser großartigen WM, dass die Wahrnehmung von Fußball von der allumfassenden Euphorie immer stärker verzerrt wird.

Die Brasilianer  können zuversichtlich sein, dass man sich an ihr Turnier als die beste Weltmeisterschaft der jüngeren Geschichte erinnern wird, so wenig sportlicher Erfolg für sie am Ende auch übrig geblieben sein mag. Den bleibendsten Eindruck dürfte die WM freilich in Deutschland hinterlassen haben, denn sie ließ trotz des anspruchsvollen Erwartungsprofils, dem WMs und EMs in Deutschland mittlerweile gerecht werden müssen, nichts zu wünschen übrig.
Und das will was heißen. Turnierauftritte unserer Nationalmannschaft sind seit der Heimweltmeisterschaft 2006 zu Ereignissen von herausragendem Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung geworden. Und wie immer, wenn ein neues Publikum erschlossen wird, ändern sich nicht nur die Zahlen, sondern auch die Erwartungen.

Heute wird vor allem erwartet, dass die Nationalmannschaft Spiele abliefert, die der neuen Art angepasst sind, in der in Deutschland Fußball konsumiert wird. Das heisst: auf den Fanmeilen muss gejubelt werden können, und zwar nicht nur am Ende des Spiels (wie gegen Frankreich), sondern lieber kontinuierlich (wie gegen Brasilien). Spannung ist eher optional, vielleicht sogar eher störend (wie gegen Algerien und Argentinien).
Darüber hinaus hilft natürlich, wenn das Sommermärchen (Fassung 5) vor einer Kulisse stattfindet, die sommerliche Hochgefühle unterstützt. Der Tafelberg war schon sehr gut, der Zuckerhut noch deutlich besser. Bei Moskau in vier Jahren muss man sich wohl Gedanken machen, auch weil Menschen in Pelzmützen generell weniger gut als Schaufenster-Deko funktionieren als Samba-Tänzerinnen.

Die WM in Brasilien aber war erfolgreich, emotional und schön, unsere Spieler waren fotogen, die weniger fotogenen Spieler waren wenigstens sympathisch, und unser Verband hat der örtlichen Gemeinde sogar einen Fußballplatz hinterlassen. Wer wäre da nicht stolz, aus Schland zu sein?

Aber dann das: Götze, Klose und Co. verhöhnen die Argentinier! Und zwar mit einem Lied, das neben vielen anderen Klassikern von Spielern auf der Fanmeile in Berlin gesungen wurde:

So gehen die Gauchos, die Gauchos gehen so.
[An dieser Stelle imitiert man einen zermürbt-niedergeschlagenen Gang]
So gehen die Deutschen, die Deutschen gehen so.
[Hier nun wird dem niedergeschlagenen Gaucho-Gang aufrechtes Promenieren entgegengestellt]

Diese kurze Einlage warf bei einer großen Zahl von Leuten offenbar Fragen auf wie “Hat man aus der Geschichte nichts gelernt?”, “Was sollen nur die Nachbarn denken?” und vor allem “Ist der gute Ruf jetzt schon wieder im Eimer?”

Und natürlich wurde diskutiert, wie es zu einem solchen Ausrutscher kommen konnte. Allein: Es war kein Ausrutscher. Das war Fußball.

Die Menschen, die sich hierüber so sehr aufregen, erinnern mich an die Eltern im Kindergarten zur Abholzeit, die mit ansehen müssen, wie der kleine kecke Leopold ein anderes Kind haut.

“Das macht er sonst aber nie!”

Doch. Ihr seid nur sonst nie da, um es zu sehen.

Genau diese Unkontrolliertheit ist Fußball und Fankultur, an 365 Tagen im Jahr. Nur alle zwei Jahre wird alles für einen Monat familien- und feierfreundlich. Die Verwirrung entsteht, weil es all die Empörten die restliche Zeit nicht interessiert.

Und hierin liegt ein ordentliches Maß an Heuchelei: Die Zuschauer und nicht weniger die Medien erwarten Kampf bis zum Elfmeterschießen und bejubeln Bastian Schweinsteiger, wenn er nach Schlägen ins Gesicht weiterspielt, aber wenn dann in Berlin noch so viel vom Testosteron übrig ist, dass von der Mannschaft ein (weit verbreitetes) Siegeslied angestimmt wird, dann ist man betroffen.

Es obliegt weder mir noch irgend einer Gruppierung, anderen Leuten vorzuschreiben, wie Fußball zu sein hat. Nur sollten sich all jene, die nur das kunterbunte Spaßprogramm des öffentlich-rechtlichen kennen, von dem Gedanken trennen, es handle sich bei Fußball um Diplomatie, nur weil in der Umkleidekabine regelmäßig die Bundeskanzlerin anzutreffen ist.

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Max Maier

Max is working as a User Experience Designer at a web and e-learning agency in Stuttgart, Germany. The web has been a second home for him since his teenage years, and he loves to see it become more mature (as he does – somewhat).

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